News vom 01.07.2026 bis 31.07.2026
1. Südharz: „Höchste Eisenbahn“ begrüßt das
Positionspapier der Südharzer Bürgermeister
(Stand: 03.07.2026)
2. Reisebericht Polen: Deutsche und polnische Eisenbahn – der Vergleich hat
einen eindeutigen Sieger
(Stand: 17.07.2026)
1. Südharz: „Höchste Eisenbahn“ begrüßt das Positionspapier der Südharzer Bürgermeister (Stand: 03.07.2026)
Bei der Initiative „Höchste Eisenbahn für den Südharz“ freut man sich über das neue Positionspapier der Bürgermeister aus dem „Altkreis“ Osterode. Sprecher Michael Reinboth: „Wir finden darin fast alle Vorschläge und Forderungen wieder, die wir seit Herausgabe des Papiers 2030+/2040+ der LNVG immer wieder vorgebracht haben. Vor allem begrüßen wir, dass es nach dem Willen der Bürgermeister keine Rosinenpickerei geben soll, sondern alle Kommunen von Verbesserungen des Bahnverkehrs profitieren sollen. Nichts anderes war unser Ziel.“
Zusätzliches Umsteigen nach
und von Göttingen lehnt die Initiative strikt ab. „Jeder Umstieg ist eine
Schwächung des Systems Bahn und ein immenser Komfortverlust. Es kann doch nicht
um eine Verschlechterung der Situation auf dem Land zugunsten von immer
häufigeren Verbindungen zwischen den größeren Städten gehen“ meint Reinboth.
Als konstruktive Alternative habe man unter anderem das Kuppeln und Flügeln im
Bahnhof Herzberg vorgeschlagen. „Diese Drehscheibe muss gestärkt werden, da sie
auch Start und Ziel vieler wichtiger Busverbindungen ist.
Kuppeln und Flügeln würde die direkte Anbindung von Bad Grund und Osterode an
Göttingen ermöglichen, ohne Bad Lauterberg, Bad Sachsa, Walkenried und den Kreis
Nordhausen hierfür abzuhängen“ führt er weiter aus.
Für den extrem teuren Bau einer „Herzberger Kurve“ sieht Reinboth keinerlei finanziellen Spielraum. „Das ist eine Taube auf dem Dach, die nie herunterkommen wird. Die Beifahreinrichtung in Herzberg hingegen ist ein realistischer Spatz, den wir entschlossen in die Hand nehmen müssen.“ Man müsse sich darum bemühen, Verbesserungen unter sparsamem Mittelverbrauch umzusetzen. Schließlich, so meint er nicht ohne Ironie, sei man im Südharz und nicht in Stuttgart.
Ausbau des Bahn- und
Busverkehrs: Bund schlecht, Land Niedersachsen noch schlechter
In diesem Zusammenhang legt Reinboth den Finger in die nach Meinung der
Initiative (und bei weitem nicht nur dieser) entscheidende klaffende Wunde: „Die
zugesagten Mittel für den Ausbau des umwelt- und klimafreundlichen Bahnverkehrs
werden vom Bund gerade Stück für Stück wieder zurückgenommen oder um viele Jahre
verschleppt. Jede Menge Ausbauvorhaben hängen wieder fest und werden dadurch
noch teurer. Minister Schnieder macht da weiter, wo seine CSU- und SPD-Vorgänger
aufgehört haben. Geld ist nicht einmal mehr für die Umsetzung des
Deutschland-Taktes vorhanden.“ Noch schlimmer sei es beim Land Niedersachsen:
„Bei der Förderung des ÖPNV ist unser Bundesland einsames Schlusslicht, es gibt
pro Kopf mit Abstand am wenigsten Geld für Bahn und Bus her.“
„2030+/2040+“ sei, so Reinboth, ein Spiegelbild dessen. „Alles, aber auch alles, was da drinsteht, also auch die Herzberger Kurve, würde sich nur bei Aufstockung der Bundesmittel umsetzen lassen – von eigenem Engagement des Landes ist da nirgendwo die Rede. Bei der Beschaffung der für Verbesserungen nötigen Fahrzeuge ist Niedersachsen – auch wegen des Totalversagens des Haus- und Hoflieferanten Alstom in Salzgitter – um Jahre im Rückstand. Es fehlt an allen Ecken und Enden. Nur bei der Infrastruktur scheint man, wenngleich im Südharz mit mehr als 10 Jahren Verspätung, langsam zum Ziel zu kommen.“
Angesichts der knappen Kassen und des Unwillens, mehr für den öffentlichen Verkehr zu tun, droht gerade der ländliche Raum einmal mehr unter die Räder zu kommen. „Dass man das seitens der Bürgermeister erkannt hat und dagegen vorgeht, werten wir als ermutigendes Signal, dass der Kampf um wirklich bessere Bahnverbindungen noch nicht verloren ist.“
Michael Reinboth
2. Reisebericht Polen: Deutsche und polnische
Eisenbahn – der Vergleich hat einen eindeutigen Sieger
(Stand: 17.07.2026)
Dem folgenden Reisebericht seien ein paar Bemerkungen vorausgeschickt. Ich halte
die Eisenbahn als solche für ein herausragendes Verkehrsmittel, geeignet unter
anderem auch als Teil einer aus vielerlei Gründen dringend notwendigen
Verkehrswende.
Wie gut das klappen kann, wenn Bahn und Politik an einem Strang ziehen, zeigen
nicht nur die Schweiz und Österreich, sondern, vielleicht überraschend für
manchen, auch unser östliches Nachbarland Polen.
Unsere Verkehrspolitik und unser langjähriges und ob seiner Fähigkeit, „schwarze
Zahlen“ zu produzieren, von eben dieser Politik gepriesenes Management haben
unsere Bahn in trauter Gemeinsamkeit in Grund und Boden gewirtschaftet. Dass es
überhaupt noch geht, liegt an den vielen Menschen an der Basis, die den Laden
noch irgendwie aufrecht erhalten. So viel Unerschütterlichkeit hat mich denn
doch überrascht, auch wenn in manchen Sprüchen durchaus eine Portion Sarkasmus
oder Galgenhumor spürbar war.
Und, ja, es war heiß, sehr heiß. Das mag manches erklären. Komisch nur, dass die Züge in Polen dennoch gut unterwegs waren, während es hierzulande Ausfälle nur so hagelte. Am System Bahn kann es nicht liegen – es liegt an der himmelschreienden Vernachlässigung, die unserer Bahn durch die CSU- und SPD-Verkehrsminister widerfahren ist, und an Managerinnen und Managern, denen stets die eigene Tantieme vor dem Erhalt einer guten Eisenbahn ging.
Das nun zu schildernde Drama „Bahnreise in die Partnerstadt Olsztynek und zurück“ hat zwei Akte und eigentlich kein Happy-End – der gute Ausgang ist nur dem Einsatz von Dritten zu verdanken.
Erster Akt: Hinreise Walkenried – Olsztynek
Donnerstag, 25.06.26. Während
der größere Teil der Delegation erst am späten Abend mit zwei Kleinbussen den
weiten Weg nach Masuren antreten wird, machen wir uns zu zweit am frühen Morgen
per Bahn auf den Weg.
Start um 5.51 Uhr, Ende um 17.58 Uhr. Und genau so wurde es auch!
Umstiege waren angesagt in
Nordhausen (auf einen von Kassel kommenden Abellio-Zug, also schon mal mit hohem
Risiko verbunden), in
Halle (Saale) Hbf auf einen bereits von München (!) kommenden ICE, also
Höchst-Risiko, in
Berlin-Gesundbrunnen mit 15 Minuten Übergang auf den „Berlin-Warszawa-Express“
bis Warszawa Zachodnia (West) und schließlich in
Warszawa Zachodnia (West) mit einem binnenländischen IC, der seinerseits
immerhin schon in Krakow startet, bis Olsztynek, wobei hier ein beruhigender
Zeitpuffer von einer knappen Stunde vorhanden war.
Zur Sicherheit brachte uns
jemand so rechtzeitig zum Bahnhof Walkenried, dass im Fall eines Ausfalls des
ersten Zuges nach Nordhausen ein Pkw-Transfer bis Nordhausen noch möglich
gewesen wäre. Aber die DB Regio enttäuschte nicht, der Zug kam und lieferte uns
um Punkt 6.15 in Nordhausen ab.
Auch Abellio – bzw. DB InfraGO, deren Schienen und Stellwerke im Regelfall für
Verspätungen ursächlich sind – hielt sich an die Vereinbarung, wir waren um kurz
vor 8 Uhr in Halle.
Hier allerdings war schon
Improvisationskunst und vertiefte Detailkenntnis der Berliner Bahnlandschaft
gefragt.
„Unser“ ICE wurde mit plus 5 Minuten angezeigt, der davor liegende von Frankfurt
auch und davor noch ein ganz anderer, der zwar nur von Eisenach kam und nach
Binz sollte, aber schon 20 Minuten Verspätung aufwies.
Bahnamtliche Schwindel-Begründung, wie üblich, „Verspätung eines vorausfahrenden
Zuges“. Na ja. Dieser ICE aber, das war entscheidend, hielt ebenfalls in Berlin
Gesundbrunnen, der Frankfurter nur im Hauptbahnhof, und für einen Transfer mit
der S-Bahn hätte es nicht mehr gereicht.
Also kurz entschlossen in den Eisenacher eingestiegen! In der ersten Klasse (die
wir uns für Hin- wie Rückfahrt gegönnt haben) gähnende Leere, während weiter
hinten durchaus etliche Leute den Drang zur Ostsee hatten. Die Zugbegleiterin
machte keinerlei Schwierigkeiten: „Sie müssen ja den Warszawa-Express kriegen,
alles gut – wolln se einen Kaffee?“. So erreichten wir den Gesundbrunnen – der
Bahnhof heißt zwar so, bietet aber ansonsten nichts gesundes und ist eine recht
düstere Angelegenheit – sogar vorzeitig und durften am selben Gleis
stehenbleiben, um unseren pünktlich bereitgestellten, von einem „Husarz“, also
der polnischen Taurusausgabe, gezogenen Express zu besteigen.
Die Ausfahrt aus Berlin war
eine schier endlose Schleicherei von Signal zu Signal, bis wir endlich in
Rummelsburg waren, dauerte es gefühlt eine Ewigkeit. Die aber war offensichtlich
in der Fahrzeit eingepreist, denn den Bahnhof Frankfurt (Oder) erreichten wir
dennoch pünktlich.
Nach der Saale (vor Halle) und der Elbe (in Wittenberg) wurde der nächste große
Strom überquert, kurzer Stopp auf der Oderbrücke, dann ging es über Rzepin,
Swiebodzin und Zbaszynek zunächst nach Poznan.
Nächste Überraschung: Eine Minibar bot warme und kalte Getränke an, kostenlos,
das sei im Fahrpreis inbegriffen! Die Dame kam bis Warszawa noch mehrfach
vorbei.
Polen ist ein großes Land, ein flaches noch dazu, der Blick aus dem Fenster bietet nicht sehr viel Abwechslung. Unsere eine Mitreisende wollte von Poznan weiter nach Torun, einer Einladung zu einer Ausstellung eigener Werke folgend, weiter auf Peron 1, die andere Mitreisende arbeitete in Charlottenburg in einer Gaststätte und wollte nach Warszawa. Vor allem in Poznan reger Fahrgastwechsel, dann noch Konin, Kutno, ein bedeutender Knotenpunkt, noch eine Stunde bis zum nächsten Umsteigepunkt, dem Warschauer Westbahnhof: Warszawa Zachodnia.
Diesen erreichten wir auf die Minute pünktlich. Uns erwartete ein quasi nagelneuer Bahnhof mit um die 16 Gleisen, einer sehr bemerkenswerten Architektur, einer kühl gehaltenen Zone unter den Gleisen, vielen Geschäften – und einer absolut beeindruckenden Sauberkeit. Nichts lag herum, auch nicht auf den Gleisen, ein krasser Gegensatz zu Berlin Gesundbrunnen.
Warszawa Zachodnia. Beeindruckende Architektur – und nichts liegt herum, auch nicht auf den Gleisen. Bei uns hingegen. Wo es voran geht und wo nicht, ist unübersehbar.
Für den Umbau eines solchen
Bahnhofs würde die Deutsche Bahn wohl 10 bis 15 Jahre benötigen, die Plankosten
um ein Mehrfaches überschreiten und immer noch nicht fertig sein.
Aber Warschau ist eben nicht Stuttgart. Unser IC nach Olsztynek kam schon von
Krakow herauf, was ihn nicht daran hinderte, absolut pünktlich zu sein. Gut, es
gab hier und da auch verspätete Züge, vielleicht einen von 20 traf es, aber das
war eben die Ausnahme und nicht, wie bei uns, die Regel.
Die polnische Hauptstadt, auch eine Millionen-Metropole, wird unterirdisch
gequert, der Bahnhof Centralna liegt im Tunnel, aus dem heraus wir, die Weichsel
als nächsten großen Fluss überquerend und nach Passieren des Fußballstadions,
Warszawa Wschodnia erreichten, also den Ostbahnhof, Ziel- und Startpunkt der
meisten Fernzüge.
Ein IC in Richtung Westen oder Süden ist aus dem Citytunnel aufgetaucht und läuft in den Bahnhof Warszawa Zachodnia ein. Hierzulande lägen Verpackungen und Coladosen herum, und keinen würde es interessieren. Nicht so in der Millionen-Metropole Warschau.
Was soll man sagen? Legionowo,
Nowy Dwor Mazowiecki, Überqueren eines weiteren Stroms, der (oder des) Narew,
Mlawa, Dzialdowo, Abbiegen von der Magistrale nach Gdansk hinein nach Masuren,
dann noch Nidzica und schließlich, pünktlich und gut gekühlt, um 17.58 Uhr am
Ziel in Olsztynek.
Da in polnischen Fernzügen Reservierungspflicht besteht, gab es nirgendwo
Gedränge oder Debatten über freie oder eben auch nicht freie Plätze. Irgendeiner
Dame war es zu kühl, aufgeregter Disput mit der Zugbegleiterin, aber ansonsten
auch hier ohne Zwischenfälle.
Übrigens: Unsere
binnenpolnische Reservierung für Hin- wie Rückfahrt verdanken wir einer sehr
taffen Dame im Reisezentrum des Bahnhofs Nordhausen.
Gutes Personal kann eben vieles wettmachen!
Da die DB AG in diesem Bericht (leider nicht nur in diesem) eher schlecht
wegkommt, sei dies ausdrücklich betont.
Ein lokbespannter
(verspäteter) IC nach Bialystok, dahinter ein weiterer IC-Triebwagen. Unten ein
Vorortzug nach Legionowo.
So gut wie kein Zug war verschmiert oder besprüht.
In Olsztynek begegnen sich – die Strecke Dzialdowo – Olsztyn ist eingleisig – die IC Krakow – Olsztyn (links) und Olsztyn – Krakow. Beide waren auch hier auf die Minute pünktlich.
Zweiter Akt: Rückfahrt Olsztynek – Walkenried
Gut – die DB AG hatte uns
gewarnt. Bitte unterlassen sie Bahnreisen am Samstag und Sonntag, hieß es im DB
Navigator für das Wochenende.
Ein Armutszeugnis. Eine Bahn ersucht ihre Kunden, sie doch bitte, bitte nicht zu
nutzen.
Bei der PKP gab es auch kleine Warnungen: Ja, es könnte zu Verspätungen kommen,
es würde warm werden, bitte nehmen sie sich etwas zu Trinken mit, aber ansonsten
fahren wir.
Unsere Reise war nötig,
schließlich wollten wir wieder in den Klosterort zurück. Um 7.55 lief der – an
diesem Tag auch schon zweite – IC von Olsztyn nach Krakow in Olsztynek ein,
Klimaanlage intakt, Bordbistro (wir hatten noch kein Frühstück) noch nicht so
ganz (leichter Abzug in der B-Note).
Bei steigenden Hitzegraden ging es ohne jede Störung nach Warszawa Zachodnia.
Ringsum schon mehr als 30 Grad, aber das kleine Bistro unter den Bahnsteigen war
klimatisiert und bot uns Gelegenheit für ein kleines Frühstück mit einem großen
Kaffee. Bei Hitze viel trinken, weiß man ja. Unser Abholer in Olsztynek, Chef
der dortigen Stadtpolizei und eine Seele von Mensch, hatte uns bei der Abfahrt
noch mit „Tymbark“-Apfelsaft und einer Dose „Zywiec“-Bier ausgestattet – das
Bier liegt immer noch bei uns im Kühlschrank.
Der „Warszawa-Berlin-Express“ lief eine knappe Stunde später, aber pünktlich,
ein, gezogen von einem „Vectron“ und mit noch laufender Klimaanlage. Und es
wurde heißer und heißer – jedoch: wir fuhren und fuhren.
Beim ersten Halt in Kutno
warten wir auf Anschlussreisende eines verspäteten Zuges aus Lodz, 5 Minuten
plus. Beim dritten Halt in Poznan wurde es richtig voll, aber Dank der
Reservierungspflicht hatte ja jeder seinen Platz. Nur die Klimaanlage, die
säuselte nur noch. Macht nichts – der Waggon hatte 6 obere Kippfenster, die sich
öffnen ließen und für einen gewissen Durchzug sorgten. Obendrein kam ja die
Minibar und verteilte Getränke. Auch in Poznan mussten wir auf Anschlussreisende
warten und waren nun bei über 15 Minuten plus, was sich baustellenbedingt noch
auf über 30 Minuten steigerte.
Unser mitreisendes älteres Ehepaar wollte noch weiter nach München – und ich
Blödmann beruhigte: Zwischen Frankfurt und Berlin gäbe es ausreichend Puffer,
man solle sich keine Sorgen machen, der Zug nach München (der ja auch unserer
nach Halle war) steht als pünktlich fahrend drin, selbes Gleis in Gesundbrunnen,
alles klar also.
Da hatte ich die Rechnung aber ohne die Deutsche Bahn gemacht. Das mit der
Zeitreserve stimmte, alles andere nicht.
Wir nähern uns Poznan Glowny. Außen sind es 45 Grad. Die Verspätung würde sich noch auf mehr als 30 Minuten hochschaukeln, Frankfurt (Oder) 15.55, aber Berlin Gesundbrunnen 16.50 Uhr – somit theoretisch viel, viel Zeit um Umsteigen…
Trotz Verspätung von rund 40
Minuten in Frankfurt (Oder) erreichten wir Gesundbrunnen so rechtzeitig, dass es
überhaupt kein Anschlussproblem hätte geben sollen.
Aber während der Zug noch in den Bahnhof einlief, rief jemand von hinten: „Sie
wollen doch auch nach München – der Zug fällt aus“… Wie bitte? Der stand doch
eben noch drin? Neue Nachricht: Er fährt, aber erst ab Hauptbahnhof, das wäre
noch zu schaffen. Mit Koffer und bei über 40 Grad hin und her, treppab,
treppauf, falsche Auskunft unserer Zugbegleiterin, auf Gleis 2 fährt gar nix
nach dem Hauptbahnhof, ein freundlicher Berliner (doch, die meisten sind es
wirklich und haben Verständnis für Provinzler) schickt uns nach Gleis 5 oder 6,
in der Tat kommt ein RE aus Stralsund, nächster Halt Hauptbahnhof, gerade noch
rechtzeitig.
Unser ICE stand da immer noch
drin, wenngleich neu mit 20 Minuten Verspätung, also in Halle Anschluss erst an
den nächsten Zug nach Nordhausen, immer noch ok. Wenig später dann: Er entfällt
ganz!
Nächster ICE dann um 18.37 – auch das würde ja noch reichen, um bis Walkenried
zu kommen.
Rings um uns herum fahren durchaus Züge, kein einziger ist pünktlich, mal 25
Minuten, mal 2 Stunden, alles dabei. Menschenmassen. Im architektonisch völlig
verkorksten Hauptbahnhof gibt es keinen einzigen Laden, der ein belegtes
Brötchen verkauft, nur FastFood-Ketten mit endlosen Schlangen, also durchhalten.
Nächste Nachricht: Ja, der 18.37 würde schon fahren, aber erst um 19.07… Nebenan
fährt einer nach München, endlos verspätet, aber über Leipzig, hilft uns wenig.
Viele Leute haben Klappstühle dabei, sie sind offenbar langjährige Kunden der DB
AG und kennen sich aus. Der Rest sitzt auf dem Bahnsteig und wartet. Erstaunlich
der Langmut und der Humor, mit dem das alles ertragen wird. Gottseidank dreht
niemand durch.
Heerlager Berlin Hbf (tief). Oben das von Bahnchef Mehdorn vermurkste Dach (nicht mal das konnte er), unten erfahrene Reisende auf Klappstühlen. Einen habe ich wegen der Rechte am eigenen Bild etwas überklebt. Der 17.34-Zug entfällt, der 18.37-Zug fährt 40 Minuten später…
Um 19.15 schließlich Bereitstellung des zweiteiligen ICE, aber 4 Waggons sind als nicht nutzbar deklariert, Klimaanlage kaputt… Macht nichts, erstmal alle rein. Tatsächlich reichlich Flatterband. Der trotz allem unerschütterliche Zugchef prüft kurz: Kühl genug, also Flatterband weg, nehmen sie bitte Platz, egal wo… Am Ende blieb wirklich niemand zurück.
Anschluss nach Nordhausen in
Halle nun um 21.08 Uhr. Inzwischen teilt der Navigator mit, dass auch zwischen
Nordhausen und Walkenried nichts mehr fährt, statt Zug ein Bus, was ich in
Kenntnis dessen, was die DB da schon mehrfach abgeliefert hat, sogleich ins
Reich der Fabel verweise.
Angeblich Stellwerksproblem – aber auf diesem Streckenabschnitt stehen doch nur
noch Schaltkästen mit Elektrik und Elektronik drin… Uns ist es egal, der letzte
Zug (oder der letzte sowieso nicht existente Ersatzbus) wäre ohnehin weg, wenn
wir irgendwann mal Nordhausen erreichen würden.
Abfahrt um 19.25, es fehlte
noch der Lokführer, der dann aber doch kam, also satte 2 Stunden hinter dem
alten Zeitplan.
Dafür blieben beide Speisewagen zu, Personal war irgendwo hängen geblieben. Gut,
meinte jemand, besser so rum als anders, dann bekämen wir vielleicht ein Bier,
aber der Zug führe gar nicht…
Nun aber Tempo! Nein, stattdessen Schleichfahrt, in vielen Bahnhöfen geht es
durch die Nahverkehrsgleise, also auf Abzweig, statt 160 oder so eben 50 km/h,
die Verspätung wächst. Und wächst. Ich denke mir, dass da jemand die Parole
ausgegeben hat: Stellt bitte keine Weiche mehr, wer weiß, ob sie ihre Endlage
noch erreicht, und dann geht gar nichts mehr. Also zuckeln wir dahin, Prognose
für Halle (Saale) nun 21.59 Uhr statt der (sowieso viel zu späten) 21.44 Uhr –
und dabei blieb es auch.
Rennen mussten wir nicht, da auch die Abellio-Züge keineswegs pünktlich fuhren – Weichen-, Signal- und Schrankenprobleme zwischen Halle und Eisleben… Gut gekühlt und mit überaus nettem Lokführer und Zugbegleiter („wo wollen Sie noch hin? Kann ich helfen?“) erreichen wir gegen 22.45 Uhr den Bahnhof Nordhausen. Unter den Aussteigenden Leute mit Fahrrädern und ein NeoNazi mit schrillem, brüllendem Rechtsrock aus dröhnenden Lautsprechern. Wir sind wieder daheim! Letzte Etappe dann doch mit dem Pkw bis Walkenried…
„Ich zange Ihnen das mal ab – dann können Sie einen Teil des Fahrgeldes ersetzt bekommen“ meinte der Abellio-Mann. Von 800 km wären das die letzten 15 bis Walkenried. Mal überlegen.
Fazit: In Polen geht es in jeder Hinsicht voran. Mit der Deutschen Bahn geht es, allem Gerede von Frau Palla zum Trotz, immer weiter bergab. Gleise, Weichen, Signale, Klimaanlagen, nichts hält mehr Stand. Ein trauriger Verein ist das geworden. Schuld ist, das sei am Ende wiederholt, die jahrzehntelange Vernachlässigung durch die Bundespolitik, sei es CSU, sei es SPD, gepaart mit einem völlig an den Realitäten vorbeigehenden Managementgehabe und entsprechenden internationalen Großmachtträumen. Am Personal liegt es nicht, das kommt erst wieder 2028, wenn GdL und EVG wieder streiken, um sich gegenseitig Mitglieder abzujagen…
Aber nächstes Mal nach Masuren, da nehme ich wieder den Zug…
Michael Reinboth